Besinnlichkeit in der Vorweihnachtszeit bedeutet nicht nur Kerzenschein, Weihnachtsduft und Weihnachtsbäckerei: Was uns wirklich angeht.

Ein deutsches Denkmal für Flüchtlinge

Das Walter-Benjamin-Memorial in Portbou ist hochaktuell

VON HANNS BUTTERHOF

Passage der Hoffnungslosigkeit im Benjamin-Memorial Portbou

Passage der Hoffnungslosigkeit im Benjamin-Memorial Portbou

PORTBOU. Das einzige deutsche Denkmal für asylbedürftige Flüchtlinge steht im nordspanischen Grenzort Portbou. Im Auftrag deutscher Bundesländer erbaute der israelischen Architekt Dani Karavan dort 1994 einen ausdrucksstarken Gedenkort für den deutschen Philosophen Walter Benjamin (1892 – 1940). Der hatte sich 1940 in Portbou auf der Flucht vor deutscher Verfolgung das Leben genommen.Karavans aus drei Elementen bestehendes Ensemble aus kaltem Metall in der warmen mediterranen Landschaft lässt am unmittelbarsten Verfolgung und Ausweglosigkeit erfahren. In der zentralen Passage der Anlage neben dem städtischen Friedhof führen steile Stahlstufen zwischen rostenden Metallwänden abwärts durch Fels, teilweise als Tunnel, bis hart an den Rand einer Klippe über dem Meer. Wer hinuntersteigt, den ergreift ganz körperlich das Gefühl eines gehetzten Flüchtlings. Er sieht zwar das freie Meer vor sich, ist aber durch unüberwindliche Abgründe und wilde Strudel von der Rettung getrennt; ihm bleibt nur der Sturz in den Tod.

Vor den letzten Stufen ins Nichts wird der Weg durch eine Scheibe aus Panzerglas versperrt. In sie ist ein Benjamin-Zitat eingraviert, das zum „Gedächtnis der Namenlosen“ aufruft, die auf der Flucht und der Suche nach Asyl sind.
Der Bezug auf Walter Benjamin nimmt dem Denkmal jede allumfassende Beliebigkeit. Er war exemplarisch in der Situation, für die der Asylartikel 16a im Grundgesetz geschaffen wurde. Dem ausgebürgerten Juden und unorthodoxen Kommunisten war in Portbou jeder Rückweg abgeschnitten. Sein Leben war durch die nach Südfrankreich vorrückenden deutschen Truppen und die ihnen folgende Gestapo unmittelbar gefährdet.

Die genauen Umstände, die Benjamin zu seinem Selbstmord veranlassten, sind bis heute nicht restlos aufgeklärt. Er hatte auf Schleichwegen die Grenze nach Spanien schon überschritten. Doch der Bürgermeister von Portbou eröffnete ihm und seiner Emigrantengruppe, dass alle aufgrund einer neuen Order aus Madrid zurück nach Frankreich abgeschoben werden müssten. Die Existenz einer solchen Order konnte nie bestätigt werden. Auch dass seine Begleiter ihre Flucht fortsetzen durften, nachdem Benjamin sich das Leben genommen hatte, spricht für die Vermutung, dass es sich hierbei schlicht um einen, für Benjamin tödlichen, Erpressungsversuch gehandelt hatte.

Der Walter-Benjamin-Gedenkort weist in seiner ästhetischen Eindringlichkeit nachdrücklich auf das Schicksal politischer Flüchtlinge hin. Von ihm geht hochaktuell ein entschiedener Impuls aus, sich geschichtsbewusst auf den humanitären Kern des grundgesetzlichen Gebots zu besinnen, politisch Verfolgten ohne Obergrenzen Asyl zu gewähren.